Editorial

Erstaunlich, wie viele Worte das Schweigen auslöst! Seit der Veröffentlichung meines Buches »Funkstille« im Februar 2011, erreichen mich fast täglich Zuschriften von Betroffenen, vor allem von den sonst so schweigsamen Abbrechern. Sie berichten von einer langen Leidensgeschichte, von dem Versuch, sich verständlich zu machen, von dem Sich-nicht-gehört-Fühlen und von Prägungen in der Familie, die es ihnen erschweren, sich auf Nähe und eine konstruktive Konfliktbewältigung einzulassen, vom Blockiert-Sein, von Trauer und Befreiung.

Die Abbrecher offenbaren, dass ihr Abbruch keineswegs, wie oft vom Verlassenen wahrgenommen, aus heiterem Himmel kommt. Doch der Zeitpunkt der Funkstille, der Auslöser, ist auch gar nicht entscheidend! Der Bruch scheint zwar im Affekt zu passieren, doch wie bei einem Schläfer, der einen Terroranschlag vorbereitet, ist das Ende seit Jahren oder Monaten vorbereitet. Der Auslöser ist nur der Moment der Entladung!

Auch stoßen uns Ereignisse meist nicht plötzlich zu. Sie geschehen nach und nach. Der Bruch ist Folge eines Prozesses, der aus vielen kleinen zerstörenden Momenten besteht. Offenbar können wir erstaunlich schlecht die Tragweite von Momenten beurteilen, und nicht jeder kann Worte sanft setzen wie eine Wolke. Manche Worte – auch nonverbale Verhaltensweisen – verletzen so sehr, dass sich ein Sturm entfacht, der nicht mehr zu bändigen ist.

Auf der anderen Seite stehen die Klageschriften der Verlassenen. Je unerwarteter und unerklärlicher ein Ereignis uns trifft, desto stärker bewegt es uns. Reden heißt urteilen. Schweigen heißt, geurteilt zu haben, lautet der Vorwurf der Verlassenen. Die Möglichkeit, sich zu verteidigen, aufzuklären, bleibt ihnen versagt. Was die Verlassenen einfordern, ist: Plausibilität, also der Sinn hinter dem für sie unerklärlichen Verhalten. Ohne Sinn können wir nicht leben, daher quält die Verlassenen der plötzliche Kontaktabbruch auch so sehr. Dem Sinn aber kann man sich nur mit den Mitteln der Interpretation nähern, durch Kommunikation und Argumentation. Eine Handlung wirkt meist weniger plausibel, nicht nachvollziehbar, wenn sie nicht erklärt wird. Kontakt muss Sinn machen, Kontaktverweigerung auch! Um die Mechanismen der Funkstille zu erkennen hilft es, sie zu entmystifizieren – ihre Bedeutung für die Menschen zu verstehen.

Deutlich wird – wenn man die Möglichkeit hat, beide Seiten zu hören – dass sich die gleiche Situation für Abbrecher und Verlassene völlig anders darstellt, auch wenn ähnliche Gefühle im Spiel sind.

Die frisierte Erinnerung ist von einer echten kaum zu unterscheiden. Vielen wird erst auf Nachfrage klar, dass die Situation ganz anders war. Wahrheit ist nicht gleich Wirklichkeit, und wir alle sehen immer nur Ausschnitte unserer Wahrnehmung. Das Leben ist nicht das, was wir leben, es ist eher die Vorstellung dessen. Und wer wäre nicht vom anderen verschieden?

Hinzu kommt ein weiteres Dilemma: Auch für den Abbrecher ist das eigene Verhalten nicht immer plausibel. Oft versteht er erst Jahre später, warum er abgebrochen hat. Ihm war nicht bewusst, dass die Funkstille mit einer unverarbeiteten Verletzung zu tun hatte. Wie unmöglich muss es für den Verlassenen sein, diese Problematik, die nichts mit ihm zu tun hatte, zu erkennen? Er fühlt sich persönlich angegriffen, abgelehnt und natürlich muss es so wirken. Der Abbrecher aber kann es zu dem Zeitpunkt des Abbruchs nicht erklären, weil er es selbst nicht versteht.

Mein neues Buch »Der Sturm vor der Stille« beschreibt den gewaltigen – meist inneren – Tumult, der der Funkstille vorausging. Nichts hält inne in dieser Zeit vor dem Bruch. Alles bewegt sich, die Gedanken schmerzen, die Verletzungen wollen nicht heilen. Der Sturm soll als reinigendes Gewitter wirken oder als Befreiungsschlag. Doch: Wenn wir jemanden verlieren, hören wir nicht auf, ihn zu vermissen – auch das gilt für beide Seiten.

Manchmal sollten wir vielleicht auf unser demoliertes Selbst mit einem umgedrehten Fernglas blicken und dabei nicht nach dem Körnchen im Kleinen suchen, sondern das ganze Bild sehen. Vielleicht wird es dann einfacher, einen Zusammenhang zwischen Ereignissen und Gefühlen herzustellen.

Zusammenhänge verdeutlichen! Das ist es, was ich als Autorin versuche, indem ich die Geschichten immer wieder aus verschiedenen Blickwinkeln betrachte und anhand neuer Fälle und Konstellationen beschreibe. »Es gibt Lücken, vielleicht auch Irrwege (…) Die Funkstille schafft Raum für Unbenanntes. Und vielleicht ist gerade das, was ich nicht geschrieben habe, dasjenige, was die Funkstille beschreibt«, hieß es noch im Nachwort meines ersten Buches. Mit Hilfe der vielen Zuschriften und Gespräche, auch mit weiteren Fachleuten, können wir nun die Lücken teilweise schließen und das Ungesagte benennen.

Das Unbewusste kann nur durch Sprache bewusst werden. Indem ich etwas denke, ziehe ich es unbewusst ins Bewusstsein, und indem ich es verbalisiere, wird es mir bewusst. Etwas, was ausgesprochen werden kann, ist schon halb bewältigt. Etwas, was benannt werden kann, ist erkannt. Also: Reden statt Schweigen!

Umgekehrt offenbart sich nach der Lektüre von über 1000 hoch emotionalen Zuschriften, dass das Schweigen eine immense psychodynamische Kraft hat. Je rätselhafter und zufälliger ein Ereignis ist, desto mehr werden Neugier und Phantasie herausgefordert. Und diese Stimulation macht glücklich – oder unglücklich. Die Funkstille lebt von dem Unausgeprochenen. Die vollendete Tatsache – das Ausgesprochene – wäre der Todesstoß für die Illusion. Die Vorstellung lebt vom Unvollendeten, Unfertigen, Unbekannten und somit Möglichen. Die Vorstellung zehrt von der Chance – der Hoffnung. Das Geheimnis der Wirkung der Funkstille basiert also hauptsächlich auf Gewährung und Entzug von Hoffnung.

Ich hoffe, dass wir in »Der Sturm vor der Stille« noch viel tiefer an das Phänomen der Funkstille herangekommen sind. Um beim Bild des Schläfers zu bleiben: Wer eine Bombe entschärft, kann sie auch bauen – und umgekehrt. Und wer die Bombe rechtzeitig entdeckt und die Zusammensetzung kennt, kann sie entschärfen, vielleicht bevor sie explodiert.
Auch diesmal gibt es die Möglichkeit, sich auf der Webseite weiterhin auszutauschen oder mir direkt zu schreiben: tinasoliman[at]yahoo.de

Ihre
Tina Soliman


Tina Soliman
Der Sturm vor der Stille
Warum Menschen den Kontakt abbrechen
ca. 224 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-94804-2
E-Book ISBN: 978-3-608-10753-1
Weitere Informationen finden Sie auch unter: www.klett-cotta.de